Die Schatten unserer familiären Vergangenheit begleiten uns; und dies kann bis über drei Generationen hinaus reichen.
Hierbei geht es nicht (nur) darum sich als Opfer der Umstände zu sehe, sondern viel mehr, ein Bewusstsein dafür zu bekommen, dass die persönlichen Prägungen und Verhaltensweisen oft weitaus tiefer in uns verankert sind als uns lieb ist, und damit einen gesunden, selbst-verständnisvollen Umgang zu finden.
In meiner Prozess- und Lebensbegleitung tauchen bei Klienten immer wieder nicht zu ortbare, undefinierte, nebelige Symptome auf. Wie z.B., dass eines großen schweren Schattens, der auf ihrem Leben liegt oder sie von diesem umgeben sind, manchmal auch in ihnen drin ist, schwer, belastend, kaum greifbar, Angst auslösend, depressiv machend, Energie raubend oder es fühlt sich wie ein dunkler Abgrund an, über dem sie pausenlos hängen …
Bei Erwachsenen, die derartige Traumasymptome zeigen, für die keine Ursache gefunden wird, kann eine transgenerative Traumaweitergabe vorliegen: Traumata können durch Verschweigen – um sie vor anderen zu verbergen und sie damit nicht zu belasten – unbeabsichtigt mit nachhaltigen Folgen auf die nächsten Generationen übertragen werden.
Normalerweise tragen Menschen in ihrem Inneren ihre eigenen Gefühle und ihre eigenen Persönlichkeitsanteile. Menschen, die Traumata aus der Eltern- oder Großelterngeneration in sich tragen, haben zusätzlich mit einer Flut von Gefühlen und Ereignissen zu tun, die nicht ihre eigenen sind. Das sind dann Gefühle und Ereignisse, die von Eltern und Großeltern nicht verarbeitet wurden und von späteren Generationen innerlich aufgenommen werden.
Diese transgenerative Weitergabe von Traumata, kann auch als eine Art systemische Belastungen bezeichnet werden.
In der Regel werden diese systemischen Belastungen unbewusst aufgenommen, meistens schon in frühster Kindheit. Für Menschen, die systemische Belastungen in sich tragen, fühlt sich das in den meisten Fällen ganz normal und gewohnt an, so dass es lange Zeit nicht wirklich als Last empfunden wird. Sie entwickeln ihre Persönlichkeit ausgleichend und kompensierend um eine solche Belastung herum.
Neben den systemischen Belastungen (transgenerativen Traumata) stehen die persönlichen Belastungen. Dies sind Gefühle und Ereignisse, die wir persönlich erlebt haben und unverarbeitet in uns tragen. Beide Formen können unterdrückt und abgespalten sein, was immer einen Versuch darstellt, mit ihnen klar zu kommen. Wenn wir etwas abspalten oder verdrängen, dann hat dies jedoch einen permanenten Einfluss auf unser Erleben, auf unser Verhalten, auf unsere Gefühlswelt und auf unseren Körper. Erst durch das Fühlen alter Gefühle und durch das Erkennen unbewusster Muster, können sie sich verwandeln und uns als Kraft und Lebensqualität zur Verfügung stehen.
Immer mehr Menschen stellen sich ihren Gefühlen, ihrem Unterbewusstsein und ihren Belastungen. Sie öffnen sich in ihrem Leben für „Vergessenes“, sensibilisieren sich für ihr Innerstes und stellen sich den Schatten ihrer Vergangenheit. Manchmal kommen sie an einen Punkt, den sie einfach nicht gelöst bekommen oder sie haben das Gefühl, trotz innerer Arbeit und Reflexionen, sich im Kreis zu drehen oder nicht vom Fleck zu kommen. Das ist oft ein Zeichen dafür, dass Traumata ein oder zwei Generationen vor ihnen im Spiel sind, die entweder unbewusst geschützt werden oder als das Eigene erlebt werden.

Wir Kinder und Enkelkinder können die fremden Gefühle jedoch in uns emotional nicht verarbeiten. Wir versuchen es zwar, doch das ist nicht möglich, denn nur persönliche Gefühle können verarbeitet und gelöst werden. Die Ursache dafür liegt in der Natur der fremden introjezierten (in sich hineingenommen) Gefühle. Fremde Gefühle „verhalten“ sich anders, als persönliche Gefühle. Dennoch ist es möglich die fremden introjezierte Geschichte systemisch (auf-) zulösen, auch indem sie dorthin „entlassen“ werden, „wo sie hingehören“, nämlich in ein oder zwei Generation davor.
Wenn wir fremde Gefühle und Ereignisse in uns aufgenommen haben, dann ist das ein Hinweis, dass es in uns eine Seite gibt, die dafür empfänglich ist. Oft ist es die Liebe und Verbundenheit zu einem Elternteil, die sich darin äußern kann, dass wir demjenigen Last abnehmen wollen, helfen wollen, retten wollen, jemanden im Leben halten wollen oder uns verantwortlich fühlen, die Familie in Ordnung zu bringen. In den meisten Fällen ist es jedoch der tiefe Wunsch nach Nähe und Intimität zu unseren Eltern, durch den wir uns an ihr Schicksal klammern, weil wir ihnen sonst nicht nah sein könnten. Traumatisierte Menschen halten ihre Mitmenschen innerlich immer auf Abstand, um sich selbst vor den Gefühlen ihres Traumas zu schützen.
Erst wenn ein Mensch durch Reflexion und bewusste, emotionale Arbeit entschieden hat, systemischen Belastungen nicht mehr in sich „aufzunehmen“, kann seine Persönlichkeit aufhören, etwas ausgleichen zu müssen und ist in der Lage, sich auf natürliche Weise zu entfalten.

 

AUSMAß UND…..

In der Begleitung und meiner Funktion als Therapeutin, ist es mir möglich diese weitergegebenen Traumata stellvertretend in den Gefühlen der Klienten wahrzunehmen. Es sind oft unpassend große und unpersönliche Gefühle, die z.B. den ganzen inneren Raum aus füllen oder es sich für mich anfühlt als schwappe eine große Gefühlswelle in mich hinein. Sie erzeugen entweder eine starke innere Schwere, die oft von den Menschen im Alltag als Depression wahrgenommen wird oder sie sind konkreter und man hat das Gefühl, irgendwie verrückt zu sein, da seelische Schmerzen, traumatische Erlebnisse, Sterbenwollen, Schocks, Schreie und Ängste in einem sind und dort als das Eigene gefühlt werden, wobei jedoch kein realer Bezug zu einem Ereignis hergestellt werden kann. Unverarbeitete übernommene Trauer kann sich zum Beispiel so zeigen, dass der Mensch zwar viel weint, jedoch keine Erleichterung erfährt und immer wieder rutscht neue Traurigkeit nach, die immer größer wird und kein Ende zu haben scheint.
Persönliche Gefühle haben einen Anfang und ein Ende. Wenn wir trauern, dann bringt uns das Erleichterung und wir fühlen am Ende Liebe und Frieden. Schmerzhafte Gefühle, Scham, Schuld und Wut fühlen sich, wenn es die eigenen Gefühle sind, persönlich an und wir können sie bestimmten Erlebnissen oder Ereignissen zuordnen.

…… BEWÄLTIGUNGSVERSUCHE

Um ein inneres Gleichgewicht zu erschaffen, bildet unsere Persönlichkeit verschiedene ausgleichende Strategien um die inneren Belastungen herum. Die Strategie, die mir am häufigsten begegnet, ist innere Unruhe. Sie treibt den Menschen permanent zu Aktivitäten, zu irgendwelchen Handlungen und zu andauerndem Beschäftigtsein. Andere Strategien sind: Stress nicht verhindern können, Vermeidungen aller Art, Ängste, nicht in Kontakt gehen wollen (Angst vor Trigger), schnell wütend werden, sich immer streiten müssen.

Wenn es sich bei Gefühlen um Traumata aus anderen Generationen handelt, werden diese immer stärker als die persönlichen Gefühle empfunden. Daher ist es wichtig, sie zu erkennen, wenn man sich persönlich entfalten oder verändern möchte. Persönliche Veränderungen können sich sonst nicht lange halten und „kollabieren“ immer in alte Verhaltens- und Lebensmuster zurück.